Helmut Markwort: Statt AfD-Chef Lucke durfte nur ein Zaungast zu Jauch

Montag Jetzt sind sie also drin im Europaparlament: Sieben Abgeordnete der AfD werden im Juli ihre Sitze in Brüssel einnehmen. Offen ist noch, welcher Fraktion sie sich anschließen, aber allein ihre politische Existenz verändert die Stimmung. In den alteingesessenen Parteien wächst die Erkenntnis, dass es falsch war, die neuen Wettbewerber zu diffamieren und deren Kandidaten zu beleidigen.

Die Ausgrenzungsversuche haben der AfD geholfen. Sie wurde im doppelten Sinne zur Protestpartei. Mit ihrem Programm protestiert sie gegen Fehlentwicklungen in der EU und beim Euro.

Später liefen ihnen aber auch Wähler zu, die mit ihrer Stimme gegen die Ausgrenzungsversuche der etablierten Parteien und vieler Medien protestieren wollten. Das fragwürdige Schimpfwort „Rechtspopulisten“ war noch das Mildeste, was ihnen an die Köpfe geworfen wurde. Auf der Straße flogen auch Eier. Der sprachliche Versuch, die Europakritiker in die Nazi-Ecke zu drängen, vergröberte sich bei Veranstaltungen zu Gewalt und Terror. Dass die Kandidaten Lucke, Henkel & Co. nicht reden durften, störte das Demokratieverständnis vieler Bürger.

Auch in Talkshows wurden sie so eingekesselt, dass sie kaum ihre Argumente in ganzen Sätzen aussprechen konnten. Die anderen Parteien hätten die AfD am liebsten totgeschwiegen. Sie wollten mit den angeblich rechtsradikalen Schmuddelkindern nicht am Tisch sitzen.

Während die Nachfolger der SED-Kommunisten in allen Talksalons ohne Populismus-Zusatz hofiert werden, mokierten sich Vertreter von Union und SPD, wenn auch Politiker der AfD eingeladen werden sollten.

Die Talkshow von Günther Jauch am Wahlabend wäre sicher reizvoller verlaufen, wenn auch einer der Überraschungssieger von der AfD in der Runde gesessen hätte. So journalistisch richtig hatte Günther Jauch wohl geplant, als er den AfD-Vorsitzenden und Spitzenkandidaten Bernd Lucke in den Gasometer einladen ließ. Der wollte auch kommen, wurde aber mit einer 2-Zeilen-Nachricht wieder ausgeladen. Die Begründung: man wolle die Sendung „etwas anders zuschneiden“. Der Zuschnitt sah so aus, dass Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und sein Vorgänger Peer Steinbrück (SPD) sich ungestört von Wirtschaftsprofessor Lucke ausbreiten konnten.

Als Alibifigur saß ein unbekannter AfD-Wähler im Publikum, den Günther Jauch kurz separat befragte. Nachdem Peer Steinbrück den Zaungast von oben herab heftig angeblafft hatte, durfte der junge Mann trotz mehrfachen Fingerhebens nicht antworten.

Mittwoch

Wenn die Wähler der FDP so ähnlich denken wie die Mitglieder der Partei, dann ist das miserable Ergebnis bei der Europawahl keine Überraschung. Fast die Hälfte der abstimmenden Mitglieder hat nämlich Ende 2011 für einen anderen Kurs in Sachen Euro gestimmt: gegen gemeinschaftliche Haftung für Schulden einzelner Staaten, gegen den unbefristeten Europäischen Stabilitätsmechanismus, für den geordneten Austritt überschuldeter Staaten und gegen den zentralen Ankauf von Staatsanleihen überschuldeter Staaten.

Für diese marktwirtschaftlichen Positionen hatte der als „Euro-Rebell“ bekannt gewordene Liberale Frank Schäffler zusammen mit Burkhard Hirsch und anderen Abgeordneten einen Mitgliederentscheid durchgesetzt.

Die Rebellen verloren mit 44 zu 54 Prozent gegen die damalige Parteiführung unter Philipp Rösler. Die 44 Prozent und ihre Anhänger haben ganz offensichtlich ihre Meinung nicht aufgegeben.
FOCUS Online vom 02.06.2014

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s