Journalismus unter Verdacht: Vom wachsenden populären Misstrauen gegenüber der Presse

Manipulieren die Nachrichten die Nachrichten? Hetzt die Presse gegen Putin? Lassen sich Journalisten kaufen? Die Kritik an den Medien in Blogs und Büchern wird immer exzessiver und aggressiver.

[…] Dass es sich um Versehen handeln könnte, erscheint den Beschwerdeführern ohnehin längst nicht mehr plausibel, wie Formulierungen verraten wie: „Angesichts der Häufung dieser Falschmeldungen ist zweifelsohne von einer zielgerichteten Manipulation des Beitragszahlers auszugehen.“

[…]  So wie aus Politikverdrossenheit bei vielen Menschen Politikverachtung geworden ist, ist aus Journalismusverdrossenheit Journalismusverachtung geworden – und Journalistenverachtung.

[…] In der Wahrnehmung dieser Kritiker geht es nicht um Fehler, Pannen und Verfehlungen Einzelner. Sie unterstellen ein System, eine konzertierte Aktion, ein bewusstes Verschweigen und Verdrehen von Tatsachen, orchestriert im Zweifel von den Vereinigten Staaten, jedenfalls im Dienst ihrer Interessen – und einen Krieg mindestens in Kauf nehmend.

Entsprechend werden unbestreitbare journalistische Fehlleistungen kommentiert und interpretiert, und was aus berechtigter Medienkritik bei völligem Verlust jedes Grundvertrauens und Wohlwollens wird, kann man auf Seiten wie dem Blog „Propagandaschau“ verfolgen.

Dokumentiert ist dort zum Beispiel eine falsche Darstellung auf den Internetseiten des WDR. Am 13. Oktober stand dort, automatisch übernommen aus den Radionachrichten, dass Russland der Aufforderung des Westens gefolgt sei und seine Truppen „aus dem Kampfgebiet“ der Ostukraine abgezogen habe. Tatsächlich handelte es sich um einen Rückzug aus dem Grenzgebiet, also eine Bewegung innerhalb des russischen Staatsgebietes.

[…] Die fehlende Transparenz bei der Korrektur, durch die bei unverändertem Zeitstempel plötzlich eine andere Darstellung auf der Seite stand, brachte nun die „Propagandaschau“-Leute vollends in Fahrt. „ARD und ZDF entfernen Beweise ihrer Lügen und Propaganda heimlich still und leise aus dem Webangebot“, schrieben sie.

[…] Von vielen Kritikern werden die Journalisten dabei als Verbündete der Politik wahrgenommen, nicht als kritische und distanzierte Kontrolleure, und der Eindruck ist nicht abwegig.

[…] Mathias Bröckers und Paul Schreyer haben ein Buch geschrieben, das die andere, fehlende Perspektive enthält. „Wir sind die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren“ ist auch dann lesenswert, wenn einen die Nähe der Autoren zu Verschwörungstheorien schreckt und man ihre Analysen nicht teilt. Es dokumentiert genügend Merkwürdigkeiten in der Entwicklung dieses Konfliktes, die Anlass wären, seine vorherrschende schlichte Interpretation anzuzweifeln, kritische Fragen zu stellen, die Behauptungen nicht nur der russischen Seite, sondern auch des Westens und seiner Verbündeten in der Ukraine mit größtmöglicher Skepsis zu behandeln. Es ist letztlich ein Appell, sich nicht mit den einfachen Antworten, die in ein vorgegebenes Schema passen, zufriedenzugeben, ein ganz banaler Appell für mehr kritischen Journalismus.

[…] Bei der „Tagesschau“ gibt es immerhin so etwas Ähnliches wie die Ahnung einer Andeutung von Selbstkritik. „Möglicherweise sind wir zu leicht dem Nachrichten-Mainstream gefolgt“, schrieb Chefredakteur Kai Gniffke im Blog zur Sendung. „Vielleicht hätten wir rechte Gruppierungen in der Ukraine früher thematisieren sollen . . . Wir hätten evtl. die NATO-Position noch kritischer hinterfragen können.“ Er räumte sogar ein, dass man „eher“ ein anderes Wort für die dubiose Gruppe von westeuropäischen Militärs, die im April in der Ostukraine festgehalten wurde, hätte wählen können, als „OSZE-Beobachter“.

[…] Viele der seriösen Medien scheinen noch nicht zu ahnen, wie groß die Erosion des Vertrauens in ihre Arbeit ist und dass dieses Vertrauen die Grundlage für alles ist. Die Gefahr für uns alle ist, dass Menschen, die ihnen nicht mehr glauben, alles glauben.
 FAZ vom 02.11.2014

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