Italien: Arme in Mailand und Rom proben den Aufstand

In Italiens Vorstädten macht sich Wut breit: Am Rande von Mailand und Rom kommt es zu Krawallen mit der Polizei. Die Menschen fühlen sich abgeschoben. Die Politiker reagieren hilflos.

In der Via Morandi liegen Wohnsilos eingekeilt zwischen Umgehungsautobahn, Schnellstraßen und Industrie. Es gibt mehr als ein Dutzend ähnlicher „Borgate“ in Rom, Arbeiterviertel, die Mussolini einst anlegte. Früher waren das friedliche Stadtteile. In den Sozialwohnungen der Wohnungsbaugesellschaft Aler aus den 70er-Jahren leben heute Arbeiter, Langzeitarbeitslose, ehemalige Häftlinge. Rumänen und Bulgaren haben eine Ladenzeile besetzt. Miete, Strom und Wasser zahlt fast niemand. In den Hauseingängen stinkt es nach Urin. Hakenkreuze und Ausländer-raus-Parolen sind auf die Wände gekritzelt. Nachts stehen Prostituierte an den Straßen, die stockduster sind.

Aber echter sozialer Sprengstoff sind drei riesige Roma-Camps, wenige Hundert Meter weiter. Sie waren einmal für ein paar Hundert Menschen angelegt worden, jetzt leben hier geschätzt 9000. Die Roma bestimmen das Leben im Quartier. Sie haben sich auf die „Entsorgung“ von Müll spezialisiert, nachts brennen riesige Feuer, und Dioxinwolken wabern durch die Luft.

Die S-Bahn, die den Verkehr in dieser dicht bewohnten Gegend entlasten sollte, benutzt hier keiner außer den Roma, sie liegt direkt am Camp. Vor dem Eingang stehen Männer, Italiener, Roma, Rumänen, verhandeln, gestikulieren. Ein junger Afrikaner trägt einen Flachbildschirm heraus – das Camp ist auch Gebrauchtwarenmarkt. Die Stadt investiert jährlich Millionen in Instandhaltung und Sozialarbeit – keiner weiß, wo das Geld versickert. Evio, ein Arbeitsloser aus der Via Morandi, sagt: „Wir sind von Gott verlassen.“

[…]

Es herrscht eine Stimmung aus Wut und Verzweiflung, die sich in wilder Zerstörung entlädt. Die Motive für den Aufstand sind vielschichtig. Jugendliche finden keine Arbeit. Vielen Familien reicht das Geld nicht mehr für die Miete. Es fehlt an Sozialwohnungen. Wer sich bei der Stadt um eine subventionierte Bleibe bewirbt, muss monatelang, ja oft jahrelang warten. Mehr und mehr balgen sich Italiener mit Immigranten und Flüchtlingen um die wenigen Jobs und die wenigen vier Wände, die übrig bleiben. Das schürt den Hass. Auch hier herrscht ein „Krieg der Armen“.

In Mailand richtet sich der Zorn insbesondere auf die Stadt und die öffentliche Wohnungsbaugesellschaft Aler. Zusammen sind sie Eigentümer von 89.500 Sozialwohnungen. 9754 stehen leer. Dahinter steckt kein böser Wille. Die verwaisten Wohnungen befinden sich in üblem Zustand. Für die Renovierung fehlt das Geld. Sowohl Mailand als auch die Aler sind chronisch knapp bei Kasse. Mit ein Grund dafür: Rund die Hälfte der Mieter ist im Zahlungsrückstand.

[…] „Die Wohnungsnot ist ein altes Problem. Doch in den vergangenen Monaten bricht sich der Hunger Bahn. Die Menschen fühlen sich machtlos. Viele glauben, nichts mehr zu verlieren zu haben“, sagt Faccendini. „Wir müssen Vorsicht walten lassen, damit diese Mischung aus Wut und Gefühl der Machtlosigkeit nicht explodiert.“
DIE WELT vom 22.11.2014

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