Der Euro wird vielleicht gerettet – und Europa?

Man kann lange streiten, was nun für Europa besser wäre: Eine gemeinsame Währung inklusive Griechenland oder eine Staatspleite mit Schuldenschnitt – für die Europäische Union ist beides keine sonderlich gemütliche Perspektive. Mit neuen Hilfs- und Sparpaketen droht das Endlosdrama in eine weitere quälende Runde bis zum nächsten Zahltag zu gehen.

[…] Dafür können sich die aktuellen Politiker bei den Gründervätern der Währungsunion, bei den griechischen Korruptokraten sowie bei ihren spendablen Bankhäusern bedanken.Leider bekommen jetzt ganz andere – etwa die Bürger des solide wirtschaftenden Deutschland, die kommenden Generationen, die ärmeren Griechen – die Rechnung für diese zynische Misswirtschaft präsentiert.

[…] Eine Wohngemeinschaft, in der ein Mitbewohner gewohnheitsmäßig die kollektive Kasse plündert und sich dreist an keine Regeln hält, liegt deswegen noch lange nicht komplett in Trümmern – jedenfalls wenn die anderen Mitglieder weiter Vorteile im Zusammenleben sehen und sich an Regeln halten, die bisher ganz gut funktioniert haben. Europa muss endlich aufhören, sich vom egomanischen Pathos eines administrativ kaum funktionierenden Kleinstaates in Angst und Schrecken versetzen zu lassen.

[…] Denn wenn die rund drei Millionen Neinsager beim verquasten Tsipras-Referendum bei über 320 Millionen Bürgern des Euro-Raums und bei einer halben Milliarde EU-Europäern immerfort ihre anarchosozialistischen Maximalforderungen durchsetzen können, dann steht die politische Elite des Kontinents wirklich als ein Haufen von Traumtänzern da.

[…] Bei sämtlichen Wahlen der letzten Wochen und Monate, ob in Großbritannien, Finnland, Polen, Dänemark oder Italien und letztlich ja auch beim griechischen Referendum haben die Bürger Europa die dunkelgelbe Karte gezeigt.

[…] Bevor die Bürger wieder mehr Europa verkraften, muss die EU sich wie bei früheren, weniger dramatischen Rückschlägen also erst einmal sortieren, muss mit schwächerem Dampf die Brüsseler Kompromissmaschine wieder anwerfen und überhaupt sondieren, welche gemeinsamen Ziele nach dem Euro-Desaster überhaupt erreichbar sind. Eine Aufnahme weiterer Balkanstaaten, massive Abgabe nationaler Souveränität nach Brüssel, neue Partner für den Euro, mehr Bürokratie – all das müssen auch die überzeugtesten Europäer erst einmal vergessen.

[…] Gerade weil Europa ein Zusammenschluss von Demokratien ist, geht es nicht gegen den Willen der Wähler. Schnell würde das „sanfte Monster Brüssel“ (Hans Magnus Enzensberger) als Diktatur wahrgenommen. Politiker hängen immer an Meinungsumfragen und reagieren sehr schnell, wenn sie mit einem Bekenntnis zu Europa ihre Wahlen verlieren. […]
 DIE WELT vom 10.07.2015

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