Journalismus im Kampfmodus: Hetzer, Idioten und Dumpfbacken

Der Zustand der öffentlichen Kommunikation in Deutschland gilt als beklagenswert. Hetze und Hass von rechts sind die Leitvokabeln, mit denen Politik und etablierte Medien diese Klage befeuern. Das Internet mit den sozialen Netzwerken gilt als Quell allen Übels. Hier werden Grenzen verletzt und kommunikativer Anstand fortwährend verhöhnt. Gesetze sollen mehr Kontrolle und auch Einschränkungen der Redefreiheit ermöglichen.

Die Intensität der öffentlichen Debatte mit ihrer Zuspitzung aufs Internet und auf alle dem Rechtspopulismus zugeschriebenen Übel können übersehen lassen, dass kommunikative Rüpelei längst auch ihren Platz in den traditionellen Medien gefunden hat. Dem Wutbürger im Internet tritt in manchen Leitmedien ein Wutjournalismus gegenüber, der Schimpfen, Weghören und Kommunikationsverweigerung zu Tugenden erklärt.

[…] So überraschte der Berliner «Tagesspiegel» seine Leser mit einem Beitrag, in dem er den Prügelmeuten der sogenannten Antifa ausdrücklich dankte, weil sie mit ihren Gewaltaktionen den politischen Gruppen, die sie zu Nazis erklären, die Wahrnehmung von Rede- und Demonstrationsfreiheit nach Kräften unmöglich machen.

Im Bericht über den jüngsten AfD-Parteitag in Stuttgart hält es der «Stern» für «eine Form ausgleichender Gerechtigkeit», wenn gewalttätige «Antifa»-Demonstranten den Delegierten den Zugang verwehrten, die sich dann durch Büsche und über Böschungen ihren Weg suchen mussten. Im Kommentar empörten sich die «Stuttgarter Nachrichten» nicht über solche Blockaden und die angesichts zahlreicher Angriffe auf Büros und Fahrzeuge von AfD-Mitgliedern riskante Veröffentlichung der Namen und Adressen der Parteitagsteilnehmer, sondern erklärten die Opfer zu Tätern: Da der 1. Mai traditionell der Tag sei, der den Gewerkschaften gehöre, sei es eine gezielte Provokation, wenn eine Rechtspartei gerade dann ihren Parteitag abhalte. Mithin sei auch die AfD für die verletzten Polizisten verantwortlich.

In der «Zeit» findet sich die Forderung nach «Notstandsgesetzen gegen den Mob», worunter man dort die Teilnehmer an rechtlich zulässigem öffentlichem Protest gegen eine Unterkunft für Einwanderer versteht. Es ist dieselbe Autorin, die vor ein paar Jahren in der «Berliner Zeitung / Frankfurter Rundschau» Thilo Sarrazin eine «lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur» genannt hat und die jetzt unter dem «Zeit»-Signet verlangt, Kundgebungen zu verbieten, Telefone zu überwachen und aufzuhören zu «labern, schreiben und argumentieren».

«Hetzer», «Mob», «Pack», aber auch «Idioten» und «Dumpfbacken» sind Begriffe, die nicht mehr nur polternden Politikern vorbehalten sind, sondern wieder und wieder in Medientexten bemüht werden. In der Redaktion des von Jakob Augstein herausgegebenen linken Wochenblatts «Freitag» begnügt man sich nach eigener Angabe mit dem Schimpf «dieses Drecksblatt», um das liberalkonservative Monatsmagazin «Cicero» zu kennzeichnen.

[…] Was an diesen Beispielen auffällt, ist der Verzicht auf recherchegestützte Information und ruhige Argumentation. Differenzierungen gelten schon als Appeasement. «Haltung» ist gefordert, nicht kritische Selbstkontrolle eigener Wahrnehmungen und Urteile. Anstatt zwischen konservativ, rechts, rechtspopulistisch und rechtsextrem zu unterscheiden, wird der gesamte Kommunikationsraum, der sich in Opposition zum linksliberal-grünen Justemilieu zu etablieren beginnt, zu einer Zone des Bösen erklärt, die unter Quarantäne zu stellen ist.

[…] Hier steht das Gute gegen das Böse, das Rückwärtsgewandte gegen das allein Zukunftsfähige. Begriffe fungieren dabei als Reizauslöser. Wenn sie als rechts verortet werden, wird das Feld der politischen Auseinandersetzung sofort blockiert und das moralische Tribunal aufgerufen, das oft nur Schaubühne für denunziatorische Unterstellungen ist.

[…] Die Folgen einer solchen Zurichtung des öffentlichen Gesprächs sind unerfreulich. Längst vergiftet diese Konfliktlage auch private Beziehungen. Staatsrechtlern bereitet Sorge, dass durch diese Form politischer und medialer Kommunikation fundamentale Grundlagen des Rechtsstaats und der Verfassung erschüttert werden können.

Das linke Londoner Wochenblatt «New Statesman» sieht in der deutschen Lust, abweichende Meinungen aus dem öffentlichen Diskurs auszuschliessen, ohne sich argumentativ mit ihnen auseinanderzusetzen, das Merkmal eines sehr «eingeschränkten und elitären» politischen Systems, in dem das Verhältnis zwischen Repräsentanten und Repräsentierten gestört sei.

[…] Der Medienkritiker Stefan Niggemeier formulierte in seinem Internetdienst «Über Medien» fundamentalen Zweifel an der weitherum akzeptierten Voraussetzung des bisherigen publizistischen Umgangs mit der Herausforderung von rechts: «Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe von Journalisten ist, die AfD zu bekämpfen. Und wenn sie es wäre – wirken die angewandten Methoden bisher doch eher kontraproduktiv.» Sollten solche Einsichten auch auf die alltägliche Berichterstattung durchschlagen, wäre das journalistische Wuttheater in Deutschland rasch beendet.
 NZZ Medien

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