Lehrer stehen mittlerweile am Rande der Verzweiflung

Die Grundschule soll Flüchtlinge integrieren, Zugewanderte fördern und Behinderte inkludieren. Zwischen diesen Aufgaben werden Lehrer zerrieben. Manche Schule weiß sich auf ganz eigene Art zu helfen.

Wie zerlegt man sich in 29 Teile? Vera Hengsbach (Name geändert) fragt sich das fast täglich – wenn sie das Klassenzimmer betritt und ihre 29 Schüler anschaut. Dann fällt ihr Blick zum Beispiel auf den Flüchtlingsjungen Saleh, der während des Unterrichts schon mal aufspringt, in schrillem Ton schreit, seinen Tisch umschmeißt und aus der Klasse rennt. Angeblich sah er, wie sein Vater erschossen wurde.

Oder der kleine, freundliche Ahmed, der zwar deutscher Staatsbürger ist, aber keinen einzigen deutschen Satz fehlerfrei spricht – genau wie seine ebenso freundliche Mutter. Oder Ralf, eines der wenigen Kinder ohne Zuwanderungsgeschichte, dessen Deutsch aber trotzdem so miserabel ist, dass er den Förderkurs „Deutsch als Zweitsprache“ besuchen muss.

[…] Der „Zwang zum Vierteilen ist für Grundschullehrer in NRW längst zum Regelfall geworden“, meint auch Udo Beckmann, der Vorsitzende vom Verband Bildung und Erziehung (VBE).

Er warnt, „die meisten Grundschullehrer“ in NRW würden „zerrieben zwischen der Integration Zugewanderter, der Inklusion Behinderter und dem Förderanspruch auch aller anderen Schülerinnen und Schüler“. Und was noch schlimmer sei: Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) lasse sie „im Regen stehen“.

[…] Derzeit besuchen fast 50.000 Flüchtlingskinder NRW-Schulen. Nach den Sommerferien sollen mindestens weitere 40.000 dazukommen. Über vier Prozent aller Schüler im Land werden dann Geflüchtete sein.

Aber Flüchtlingskinder sind längst nicht die einzige Gruppe, die unter dem massiven Personalmangel leidet. Viel zahlreicher sind in Hengsbachs Klasse die hier geborenen Kinder mit Zuwanderungsgeschichte, meist mit türkischen oder arabischen Vorfahren. Sie sind zwar in der großen Mehrheit deutsche Staatsbürger, doch ihr Deutsch ist „überwiegend desaströs“, erzählt Hengsbach. Was an den Elternhäusern liege. Meist werde dort in der Herkunftssprache kommuniziert.

[…] Von den 611.472 Kindern an öffentlichen Grundschulen im Land haben knapp 40 Prozent Zuwanderungsgeschichte und knapp zehn Prozent keine deutsche Staatsbürgerschaft (Schuljahr 2015/2016).

[…] Aber die Grundschulen wissen sich in ihrer Not zu helfen. Kürzlich kam auf dem Schulhof Tolga, ein Viertklässler, auf Vera Hengsbach zugelaufen. Aufgeregt kündigte er an, demnächst werde er die Machete seines Vaters mitbringen. Und dann, rief er ihr zu, „schlage ich allen Kindern hier den Kopf ab“.

Die Lehrerin beruhigte ihn, das sage er doch nur, weil er wütend sei. Doch Tolga blickte ihr plötzlich ganz ruhig in die Augen und erwiderte: „Nein, das meine ich ernst.“ Hengsbach erschrak. Aber nur kurz. Dann fiel ihr ein, dass ja bald die Sommerferien beginnen. Tolga wird dann vermutlich in die fünfte Klasse versetzt – und die Grundschule verlassen. Genau genommen sei er zwar ein Wackelkandidat mit sehr durchwachsenen Noten, aber in seinem Fall werde das Kollegium beide Augen zudrücken. Irgendwie müsse man die Zahl der Problemfälle ja begrenzen.
 Welt

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