Öffentliche Kunst: Die Tyrannei der Beleidigten

Im Namen politischer Korrektheit fordern Kritiker die Beseitigung irritierender Kunstwerke aus dem öffentlichen Raum. Was nicht in unser Weltbild passt, gilt zunehmend als unzumutbar […]

Ähnlich wie Bildwerke im öffentlichen Raum gerät auch das Brauchtum zunehmend durch politisch korrekten Fundamentalismus in Bedrängnis. Es häufen sich Forderungen, die traditionelle Festkultur von allen Motiven zu säubern, die als anstößig empfunden werden könnten. Die Niederlande erleben seit Jahren Kampagnen für die Abschaffung der Figur des Zwarte Piet, denn der auf eine Tradition des neunzehnten Jahrhunderts zurückgehende dunkelhäutige Helfer des heiligen Nikolaus gilt seinen Kritikern als Ausgeburt des Rassismus. In den Vereinigten Staaten, dem Mutterland und nimmermüden Labor der politischen Korrektheit, sind mittlerweile Verbote traditioneller Halloween-Kostüme üblich, die durch schwarze Masken, Indianerschmuck, freizügige Betonung des weiblichen Körpers oder auch nur stereotype Berufsbekleidung als ethnisch diskriminierend oder frauenfeindlich angesehen werden könnten. Auch im deutschen Karneval mehren sich die Forderungen nach einer Kostümzensur. „Ethno-Klischees“ wie Afroperücken oder Turbane werden ebenso auf den Index gesetzt wie als Frauen verkleidete Männer. Die neuen Sittenwächter wittern überall Rassismus, Sexismus und Homophobie oder auch „Transfeindlichkeit“, überbieten sich gegenseitig im Aufspüren vermeintlichen Fehlverhaltens und vergessen dabei vollends, dass Karneval ähnlich wie Satire und Karikatur gerade von Grenzübertretungen und vom Spiel mit Klischees lebt.

Unübersehbar ist auch der Rückgang der Toleranz gegenüber historischem Sprachgebrauch in der Literatur, der nicht zur heutigen Utopie einer diskriminierungsfreien Weltgesellschaft passt. Vor allem Kinderbücher werden nach anstößigen Begriffen durchkämmt. Bei Neuausgaben sind Eingriffe in den Text an der Tagesordnung.

[…] Als unzumutbar gelten auch immer mehr historische Straßennamen. Die Angst, dass sich jemand verletzt fühlen könnte, nimmt geradezu paranoide Züge an, wenn sich etwa die Stadt München vornimmt, sämtliche Straßennamen auf ihre Kompatibilität mit den politischen Einstellungen der Gegenwart hin zu überprüfen, noch bevor sich irgendjemand an ihnen stört.

[…] Sollen wir das denselben Sieg glorifizierende Mosaik an der Berliner Siegessäule beseitigen, weil sein nationalistischer Triumphalismus nicht in unsere Zeit passt und ein französischer Besucher sich in seinem Nationalstolz gekränkt fühlen könnte? Oder besser zur Sicherheit gleich das ganze Monument einstampfen, weil sein Dekor größtenteils aus erbeuteter Geschützbronze besteht?

[…] Sollen wir die Bibel von allen antijudaistischen Passagen bereinigen? Alle Bauwerke einebnen, die unter für uns inakzeptablen Regimen des Feudalismus, Absolutismus, Kolonialismus, Imperialismus, Faschismus und Kommunismus errichtet wurden? Romane und Filme zensieren, die nationale Stereotypen und überlebte Geschlechterrollen transportieren? Die Mohammed-Karikaturen verbieten, die 2005 in muslimischen Ländern Gewaltorgien eines wütenden, vermeintlich in seinen Gefühlen verletzten Mobs auslösten?
[…] Auch die Taliban gaben vor, sich von für sie anstößigen Darstellungen verletzt zu fühlen, als sie 2001 die Buddha-Statuen von Bamiyan in die Luft jagten. Gleiches tut auch der IS bei seinen Bilderstürmen. Was uns aber von den Taliban und vom IS unterscheidet, ist nicht zuletzt unsere Bereitschaft, Kulturleistungen und Geschichtszeugnisse auch dann zu respektieren, wenn sie nicht zu unserem Weltbild passen.
Diese Errungenschaft des Humanismus, der Aufklärung und nachfolgender intellektueller Emanzipationsbestrebungen war immer wieder durch totalitäre Regime bedroht. Nun gerät sie zunehmend durch die traditionsfeindlichen Zuchtmeister der politischen Korrektheit in Gefahr, die sich selbst auf die Aufklärung berufen und als Avantgarde der Weltoffenheit sehen, aber in ihrer Selbstgewissheit und Intoleranz den verstocktesten religiösen Fanatikern ähneln. Damit steht viel auf dem Spiel: der Reichtum der Denkmallandschaften und des in Literatur und Brauchtum überlieferten Kulturerbes – und vielleicht vor allem die Fähigkeit, Bilder, Begriffe und Denkmuster der Vergangenheit in kritischer Distanz historisch einzuordnen, sie für uns produktiv zu machen und von ihnen zu lernen, statt sie als unzumutbar ausradieren zu wollen.
 FAZ
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