Ein Beruf schafft sich ab

Trump und die Folgen: Warum haben die Journalisten das nicht kommen sehen?

396 000 Dollar haben amerikanische Journalisten gemäss einer Studie des Center for Public Integrity, eines unabhängigen Thinktanks, in ­dieser Präsidentschaftswahl gespendet: Davon gingen 382 000 Dollar an Hillary Clinton, das ­entspricht 96 Prozent. Fast alle Zeitungen und News-Websites in Amerika haben sich für die demokratische Kandidatin ausgesprochen, fast alle Fernsehsender zogen nach, wenn auch nicht offiziell, selbst der konservative Sender Fox News war gespalten – und natürlich auch in Europa, wo die Medien noch mehr übereinstimmen bei fast jedem Thema, hätten alle Hillary bevorzugt.

[…] Wenn dieser Wahlkampf etwas klargemacht hat, dann die Unzuverlässigkeit der Medien. Auch mir erging es so. Oft, wenn irgendeine Aussage von Trump wieder sämtliche Redaktionen der Ostküste ins Vibrieren gebracht hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als das Interview im Original nachzuhören. Fast immer erwies sich, dass Trumps Worte ungenau wiedergegeben wurden, wenn nicht falsch, wenn nicht bösartig überzogen gedeutet. Wenn im Zweifel, wurde stets die ­maximal negative Interpretation gewählt. Kurz, man tat alles, um diesen Mann zu verhindern – und schreckte vor nichts zurück. Kommentare, Meinungen, Bilder, Zitate, Berichte, Reportagen, Fakten: Viel zu viel wurde gebogen, manipuliert, gedreht und gedrückt, bis die Realität so aussah, wie man von vornherein wusste, wie sie auszusehen hatte.

[…] Die 96 Prozent in Amerika für Hillary Clinton deuten es an: Wir Journalisten sind uns zu einig. Der Wettbewerb der Meinungen und das Ringen um das beste Argument, weltanschauliche Differenzen, und zwar echte, tiefe, die wehtun, wenn man sie anspricht, sowie parteipolitisch geprägte unterschiedliche Empfindlichkeiten – sie kommen fast nicht mehr vor in unserem Milieu.

[…] In jedem Prozess gibt es einen Ankläger und einen Verteidiger, weil schon die Römer davon ausgingen, dass die Wahrheit am besten zu erkennen sei, wenn man die Dinge aus zwei vollkommen entgegengesetzten Richtungen betrachtet. Haben wir je erlebt, dass im Gericht 96 Ankläger auf vier Verteidiger treffen? Würden wir es je für fair, aber auch erkenntnistheoretisch nützlich halten, wenn man dem Ankläger 96 Minuten Redezeit einräumte und dem Verteidiger bloss vier Minuten?

[…] Überall im Westen gibt es immer mehr Leute, denen zum Beispiel das Ausmass der Immigration inzwischen zu viel ist – fast alle Journalisten sind anderer Meinung und berichten mit Vorliebe davon, dass jene, die sich Sorgen machen, von falschen Zahlen ausgehen, falschen Gefühlen aufsitzen, von Hass getrieben, von Vorurteilen geprägt oder mit Dummheit geschlagen sind. Und überhaupt: Immigration ist gut.

[…] Dass man mich nicht missversteht: Es geht nicht um Immigration an sich, auch nicht um Trump noch um den Brexit, die EU oder die Frage, inwiefern der Klimawandel uns zerstört, über all diese Gegenstände darf und kann man geteilter Meinung sein, sondern es geht um die Tatsache, dass ein Berufsstand, der in all diesen Fragen so einseitig Partei nimmt, sich selber abschafft, weil der Journalist nicht mehr darüber berichten kann, was die Welt bewegt und in ihr vorfällt, sondern nur mehr darüber schreibt, was ihn selber bewegt. Und das ist meistens eine kleine Welt.

 Baseler Zeitung

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