Das tödliche Geschäft mit den Flüchtlingen

Europa wollte den Schleusern das Handwerk legen. Doch für die ist es so einfach wie nie, mit Flüchtlingen Geld zu verdienen. Sie machen sich die europäischen Rettungssysteme zunutze.

[…] Nie war es für Schleuser so einfach, einen Migranten loszuwerden – und nie war es für Migranten so gefährlich, in See zu stechen.

[…] Bis vor einem Jahr setzten Migranten in Fischerbooten über, die im Prinzip seetauglich waren, wenn auch überladen. Ob sie durchkamen, hing vom Wetter ab. In ruhiger See war die Chance hoch, wenigstens die weit vorgelagerte Insel Lampedusa oder Malta zu erreichen. Die Schleuser setzten auch größere Schiffe ein, ausgemusterte Rostlauben. Eine perfide Masche: Schlepper nahmen Kurs auf Italien, setzten bei voller Fahrt einen Notruf ab und gingen dann von Bord.

Dann versank im April 2015 ein Kutter vor Libyen. Bis zu 800 Menschen wurden auf dem Schiff vermutet – es war das schlimmste Unglück im Mittelmeer.

Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union schreckten auf. Binnen einer Woche beschlossen sie einen weitreichenden Aktionsplan.

[…] Es gibt seither kein besser bewachtes Stück offene See: Schiffe, Schnellboote, Drohnen, Hubschrauber, Satelliten – alles im Einsatz.

[…] Ein Schlag gegen die Schleuser? Von wegen. Sie stiegen auf Schlauchboote um. Statt Hunderter Kilometer müssen sie ja bloß die Rettungsschiffe erreichen, die vor der libyschen Küste kreuzen. Zwanzig, dreißig Kilometer. Nur vier Flüchtlingsboote schafften es in diesem Jahr überhaupt auf die italienische Seite. Alle anderen setzten ihren Notruf ab, nachdem sie die libyschen Gewässer verlassen hatten. Im Klartext: Die 160.000 Migranten wurden von europäischen Schiffen übergesetzt, nicht von Schleusern.

[…] Dieses System ist inzwischen so perfekt eingespielt wie das der Schleuser. Beide Systeme greifen regelrecht ineinander – eine Rettungskette von Tripolis bis Catania. So war es aber niemals gedacht. Der Frontex-Einsatz „Triton“ und die Militärmission „Sophia“ sollten ja den Schleppern das Handwerk legen – und nicht den Flüchtlingstransport über das Meer perfektionieren. Nun ist es wieder wie vor zwei Jahren, als die Italiener noch allein versuchten, den Flüchtlingsstrom zu bewältigen. […]
 faz.net

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