Christenverfolgung – Woher rührt unser Desinteresse?

Kisslers Konter: Das Christentum ist die am stärksten drangsalierte Religion. Die Christen des Westens kümmert das kaum. Drei Gründe für ein moralisches und politisches Großversagen.

Wie lautet nun der erste Grund des westlichen Desinteresses am Leid anderer Christen? Die Kopten in der Messe, der Priester am Altar: Sie wurden ermordet, weil sie ihren Glauben praktizierten. Sie waren identifizierbar als Menschen, die das Christentum zu ihrer persönlichen Sache gemacht hatten. Ein solches Naheverhältnis zur eigenen Religion erscheint den meisten Christen des Westens suspekt; als im besten Fall voraufgeklärt, im schlimmsten Fall unvernünftig.

Wie nah das Vergessen und das falsche Erinnern beieinander liegen, zeigt der zweite Grund. Christen wird, wie Sebastian Kurz zu Recht erwähnt, „insbesondere im Nahen und Mittleren Osten“ das Leben zur Hölle gemacht. Der Durchschnittseuropäer hat diese Regionen mental abgespeichert als islamische Kernlande, in denen der christliche Westen durch Kolonialismus und Ausbeutung enorme, ja ewige Schuld auf sich geladen habe. Was weniger als zur Hälfte stimmt, aber westlichen Selbsthass nährt. Dass in vielen Ländern des Halbmonds Christen die längere Geschichte haben, dass sie vertrieben werden sollen aus angestammten Landen, wiegt in dieser Perspektive weniger als die Legende vom christlichen Eindringling. Der eigenen Religion traut man alles zu und vornehmlich das Schlechte. Die zweite Wurzel des Desinteresses an der Christenverfolgung ist der westliche Schuldkomplex.

Am offensichtlichsten jedoch ist der dritte, der zugleich am wenigsten thematisierte Grund. Es handelt sich mehrheitlich um Muslime, die Christen verfolgen. Dadurch wird die Tat nicht besser oder schlimmer als in jenen Fällen, in denen nationalistische Hindus oder atheistische Regimes diskriminieren – aber heikler und bedrängender. Sie rückt näher. Der „Krieg gegen Christen in der arabischen Welt“ wird, wie der Al Arabiya-Journalist Hisham Melhem beklagt, von Muslimen wie Christen öffentlich geleugnet. Warum? Aus Angst. Aus Angst, sich den Vorwurf des Rassismus zuzuziehen; aus Angst aber auch, sonst das Fernglas der Betrachtung gegen die heimische Brille eintauschen zu müssen.

Muslime bilden eine wachsende Bevölkerungsgruppe im Herzen des Westens. Man erfuhr jüngst, „christliche Flüchtlinge aus dem Nahen Osten“ werden an deutschen Schulen von „muslimischen Mitflüchtlingen“ gemobbt – mit dem schlimmen Resultat, dass ein Gemobbter die Schule verlassen musste und die Mobber verblieben. In Österreich drängt derweil eine „Generation Haram“ auf islamische Verhaltens- und Bekleidungslehren unter Jugendlichen und etabliert „eine neue Verbotskultur mitten in Wien“. So kehren sich die Zeiten in ihr Gegenteil. […]
 CICERO

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