Die Flüchtlinge – eine Zwischenbilanz: LKA-Chef Ralf Michelfelder über Asylbewerber als Täter und Opfer

Ein Gespräch mit LKA-Chef Ralf Michelfelder über die große Aufgabe der Integration.

[…] Wir haben in Baden-Württemberg etwa 167 000 Flüchtlinge bei 10,9 Millionen Einwohnern, also grob 1,5 Prozent Bevölkerungsanteil – ihr Anteil an den Tatverdächtigen lag im Jahr 2016 bei etwa zehn Prozent, wobei ausländerrechtliche Verstöße wie illegaler Aufenthalt bereits aus der Statistik herausgerechnet sind.

Asylbewerber sind auch überdurchschnittlich oft Opfer von Straftaten. Wobei ich da nicht von Sachbeschädigung oder einfachem Diebstahl rede, sondern von Raub, Körperverletzung und Tötungsdelikten. Der Anteil von Flüchtlingen an der Gesamtzahl der Opfer liegt bei etwa fünf Prozent. Wir stellen dabei fest, dass Asylbewerber primär nicht Opfer von Gewalt von außen werden, sondern ganz überwiegend von Gewalt durch das eigene Umfeld. (siehe dazu bitte auch: Berliner Zeitung)

[…] Außerdem: 40 Prozent der von Flüchtlingen verübten Körperverletzungen ereigneten sich 2016 im öffentlichen Raum. Zehn Prozent Tatverdächtigenanteil und fünf Prozent Opferanteil – diesen Fakten muss man sich stellen. Was für uns frappierend ist, sind auch die Zunahmen: Die Zahl der tatverdächtigen Flüchtlinge hat sich 2016 gegenüber 2015 beinahe verdoppelt.

Wir haben vier Deliktgruppen, in denen Asylbewerber als Täter besonders in Erscheinung treten. Erstens Diebstähle aller Art – Ladendiebstahl, aber auch Wohnungseinbruch. Die steigenden Zahlen beim Wohnungseinbruch sind insofern bedenklich, weil das eine andere Dimension ist, als mal ins Regal zu greifen: vorbereiten, ausspähen, aufbrechen; dabei ist eine andere Hemmschwelle zu überwinden.

Zweitens Körperverletzungsdelikte. Drittens Rauschgiftdelikte. Und viertens Sexualdelikte – wobei wir hier eine relativ geringe Gesamtzahl haben, aber eine hohe Steigerungsrate gegenüber 2015.

[…] Wir wurden in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg über mehr als 70 Jahre dazu erzogen, dass Gewalt kein Mittel zur Konfliktlösung ist, wir lernen das in Familie, Kindergarten, Schule, das ist ein gesellschaftlicher Konsens. Die Menschen, die zu uns gekommen sind, haben teilweise ganz andere Erfahrungen, lebten in Kriegsgebieten oder zerfallenden Staaten und haben deshalb möglicherweise ein anderes Verhältnis zu Gewalt und hiesigen Werten.

Polizisten berichten mir, dass manche mit unserem Sanktionierungssystem nicht zurechtkommen, es nicht ernst nehmen. Wir haben mit relativ vielen Wiederholungstätern zu tun – es gibt eine gewisse Menge, die den Kontakt mit der deutschen Polizei offenbar nicht als Schreck fürs Leben empfindet. Sie werden erwischt bei einem Diebstahl, kommen aufs Revier und deuten das, was dann geschieht, so: „Die machen ein weißes Papier schwarz und lassen uns wieder gehen.“

[…] Straffällig sind insbesondere junge Männer – das ist bei allen Nationen und Gesellschaften so; und unter den Flüchtlingen sind besonders viele junge Männer. Aber es darf auch kein Tabu sein, Problemfelder anzusprechen. Denn nur ein Problem, das beim Namen genannt wird, ist ein Problem, bei dem man nach einer Lösung sucht: einer Lösung des Rechtsstaats und nicht des Mobs auf der Straße.

[…] Wir gehen von drei großen Bedrohungslagen aus. Erstens: Wir müssen mit Attentätern rechnen, die über die Flüchtlingsroute zu uns gekommen sind. […] Salafisten versuchen, Flüchtlinge, die sich in Deutschland abgelehnt oder in ihren Hoffnungen enttäuscht fühlen, gezielt zu indoktrinieren. […] Die dritte Gefahr sind Leute, die sich selbst radikalisieren, beispielsweise übers Internet.

[…] In der Forschung gibt es deutliche Hinweise, dass kriminelle Karrieren in terroristische münden können (siehe „Kriminalität und Terrorismus“). Solche Leute bringen einige gefährliche Voraussetzungen bereits mit: Sie haben Milieukontakte, wissen, wie sie an Waffen kommen, sind oft gewalterprobt und haben eine gesunkene Hemmschwelle.[…]

Kriminalität und Terrorismus

  • Die Lebensläufe von 79 Europäern, die sich dschihadistischen Gruppen in Ländern wie Syrien oder Irak anschlossen, haben Rajan Basra, Peter R. Neumann und Claudia Brunner ausgewertet für ihre Studie „Criminal Pasts, Terrorist Futures“ (Kriminelle Vergangenheit, terroristische Zukunft). Ihre Kernthese: Die Mehrheit dieser religiös inspirierten Gewalttäter habe ein Vorleben als unpolitische Kriminelle. Der „Sprung“ vom gewöhnlichen Verbrecher zum Dschihadisten sei „kleiner als üblicherweise angenommen“.
  • Das „dschihadistische Narrativ“, also die sinnstiftende Erzählung der radikalen Islamisten, komme den „persönlichen Bedürfnissen und Sehnsüchten“ eines bestimmten Typus von Kriminellen „perfekt“ entgegen: nämlich Menschen, die durch einen schockhaften Lebenseinschnitt, eine persönliche Krise, zum Beispiel einen Gefängnisaufenthalt, dazu bewegt würden, ihr kriminelles Vorleben radikal zu überdenken. Diesen Leuten mache der Dschihadismus ein doppeltes Angebot: einerseits ein Heils- und Erlösungsversprechen, einen Ausweg aus der „Sündhaftigkeit“ des alten Lebens; und andererseits die Möglichkeit, eingeübte Verhaltensmuster weiter zu pflegen, nur fortan eben im Dienste einer angeblich höheren Sache. Wie Verbrecherbanden erlauben dschihadistische Gruppen Gewalt, bieten Macht, Zusammenhalt, Abenteuer, Adrenalinkick. Durch die Wandlung zum Dschihadisten kann der Verbrecher sich neu erfinden – und weitermachen wie bisher. Obendrein kommen ihm im neuen Leben seine alten kriminellen Kompetenzen zugute: Er hat gelernt, unter Druck kühlen Kopf zu bewahren, weiß, wie er an Waffen kommt, ist geübt darin, „unter dem Radar“ zu navigieren und konspirativ zu planen, hat eine niedrige Gewalt-Hemmschwelle.

 Zeitungsverlag Waiblingen

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s