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Der Euro wird vielleicht gerettet – und Europa?

Man kann lange streiten, was nun für Europa besser wäre: Eine gemeinsame Währung inklusive Griechenland oder eine Staatspleite mit Schuldenschnitt – für die Europäische Union ist beides keine sonderlich gemütliche Perspektive. Mit neuen Hilfs- und Sparpaketen droht das Endlosdrama in eine weitere quälende Runde bis zum nächsten Zahltag zu gehen.

[…] Dafür können sich die aktuellen Politiker bei den Gründervätern der Währungsunion, bei den griechischen Korruptokraten sowie bei ihren spendablen Bankhäusern bedanken.Leider bekommen jetzt ganz andere – etwa die Bürger des solide wirtschaftenden Deutschland, die kommenden Generationen, die ärmeren Griechen – die Rechnung für diese zynische Misswirtschaft präsentiert.

[…] Eine Wohngemeinschaft, in der ein Mitbewohner gewohnheitsmäßig die kollektive Kasse plündert und sich dreist an keine Regeln hält, liegt deswegen noch lange nicht komplett in Trümmern – jedenfalls wenn die anderen Mitglieder weiter Vorteile im Zusammenleben sehen und sich an Regeln halten, die bisher ganz gut funktioniert haben. Europa muss endlich aufhören, sich vom egomanischen Pathos eines administrativ kaum funktionierenden Kleinstaates in Angst und Schrecken versetzen zu lassen.

[…] Denn wenn die rund drei Millionen Neinsager beim verquasten Tsipras-Referendum bei über 320 Millionen Bürgern des Euro-Raums und bei einer halben Milliarde EU-Europäern immerfort ihre anarchosozialistischen Maximalforderungen durchsetzen können, dann steht die politische Elite des Kontinents wirklich als ein Haufen von Traumtänzern da.

[…] Bei sämtlichen Wahlen der letzten Wochen und Monate, ob in Großbritannien, Finnland, Polen, Dänemark oder Italien und letztlich ja auch beim griechischen Referendum haben die Bürger Europa die dunkelgelbe Karte gezeigt.

[…] Bevor die Bürger wieder mehr Europa verkraften, muss die EU sich wie bei früheren, weniger dramatischen Rückschlägen also erst einmal sortieren, muss mit schwächerem Dampf die Brüsseler Kompromissmaschine wieder anwerfen und überhaupt sondieren, welche gemeinsamen Ziele nach dem Euro-Desaster überhaupt erreichbar sind. Eine Aufnahme weiterer Balkanstaaten, massive Abgabe nationaler Souveränität nach Brüssel, neue Partner für den Euro, mehr Bürokratie – all das müssen auch die überzeugtesten Europäer erst einmal vergessen.

[…] Gerade weil Europa ein Zusammenschluss von Demokratien ist, geht es nicht gegen den Willen der Wähler. Schnell würde das „sanfte Monster Brüssel“ (Hans Magnus Enzensberger) als Diktatur wahrgenommen. Politiker hängen immer an Meinungsumfragen und reagieren sehr schnell, wenn sie mit einem Bekenntnis zu Europa ihre Wahlen verlieren. […]
 DIE WELT vom 10.07.2015

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EU-Krise: Europas Bürger setzen auf den Nationalstaat

In vielen Ländern haben Parteien Zulauf, die weniger Macht für Brüssel wollen. Ob man das nun Rechtspopulismus nennt oder nicht, egal: In Europa ist derzeit der Sonderweg die Straße in die Zukunft.

Sage keiner, die Europäer hätten sich immer nur in der Wolle. Sämtliche Wahlen der letzten Wochen – von Großbritannien und Polen bis Italien und nun ganz besonders in Dänemark – verlaufen in wundersamem Gleichschritt: Die Menschen stimmen für weniger Macht der EU, für Abweisung von Flüchtlingen und für einen Nationalismus, den viele im Zuge der Erweiterung der Europäischen Union bereits auf dem Müllhaufen der Geschichte deponiert hatten.[…]

Kein denkender Mensch wird nach tausend Jahren nationaler Kriege und Genozide gegen das transnationale Einigungswerk etwas einzuwenden haben, aber trotzdem steht die EU im Augenblick ziemlich erbärmlich da.

Damit ist nicht nur das endlose Trauerspiel um den Euro gemeint, der als Kronjuwel der Einigung gedacht war und nun Nationen wie Menschen immer hasserfüllter auseinandertreibt. Auch die wachsende Flüchtlingstragödie führt den Bürgern vor, dass es um die europäische Solidarität ganz schlecht bestellt ist.

[…] Die große Wählerbewegung nach innen als schändlichen „Rechtspopulismus“ abzutun, befriedigt zwar bei manchem Moral und politische Korrektheit, aber es führt gedanklich in die Sackgasse.

[…] Es ist zwar eine Flucht hinter die Staatsgrenzen, aber für die Wähler gehorcht das alles einer klaren Logik: Sie wollen nun einmal keine Ordnung, welche die Profite der Unternehmen straffrei ins Ausland lässt und die Gestrandeten aus aller Welt in ihrer Gemeinde ablädt. […]
DIE WELT vom 23.06.2015

Die Europäische Union in der Krise: Danke, liebe Griechen

Ihre Sturheit hat uns die Augen geöffnet, welche Fehlkonstruktion die EU ist. Alles kann man kündigen, jeden Vertrag, jede Ehe. Aber nicht den Maastricht-Vertrag. Soll er bis ans Ende der Tage gelten?

[….] Mit ihrem Eigensinn, ihrer Sturheit und Querköpfigkeit haben die Griechen sich selbst möglicherweise keinen Gefallen getan, dafür aber haben sie den Zaungästen am Rande der Arena brutal und radikal klargemacht, was die Europäische Union ihrem Wesen nach ist: keine Wertegemeinschaft, wie von ihren Anhängern immer behauptet wird, sondern ein ideologisches Konstrukt, dessen wichtigste Aufgabe darin besteht, den Selbsterhalt zu sichern, ein Kartenhaus ohne Ausgang, ein Neuschwanstein der Lüfte, dazu geschaffen, den Bauherren zu huldigen und pompöse Feste zu feiern.

[…] Jede Heizdecke, die bei einer Kaffeefahrt gekauft wurde, kann zurückgegeben werden, in Irland werden katholisch geschlossene Ehen von zivilen Gerichten geschieden, der Vatikan annulliert Ehen, die unter Vortäuschung falscher Tatsachen eingegangen wurden.

[…] Der EU liegt eine absurde Idee zugrunde: dass man über eine begrenzte politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit hinaus die Lebensverhältnisse in den Mitgliedsstaaten homogenisieren kann.

Etwas, das schon innerhalb eines Landes wie Deutschland extrem schwierig ist, wo es nicht einmal gelingt, die Ferienzeiten in den einzelnen Bundesländern so abzustimmen, dass ein Verkehrschaos vermieden wird, soll innerhalb eines komplexen und vielfältigen Gebildes funktionieren, von Estland bis Portugal, von Finnland bis Griechenland.

[…] Kein Mensch freilich käme je auf die Idee, ein Autorennen zu veranstalten, an dem alle Typen von Rennautos teilnehmen sollten, vom Gokart bis zur Formel-1-Rakete. Das Ergebnis wäre absehbar, nur die Veranstalter würden so ein Rennen als einen „Sieg der Chancengleichheit“ bejubeln.

[…] Wie mit frei gewählten Abgeordneten umgangen wird, die sich dem Machtwort der Kanzlerin widersetzen, das haben soeben drei Mitglieder der CDU-Fraktion anschaulich beschrieben. Sie hatten es gewagt, gegen die Rettungspakete zu stimmen, und wurden daraufhin kaltgestellt.

[…] Ja, Hysterie gehört zum Handwerk. Wenn der Euro scheitert, scheitert nicht nur Europa, dann wird auch die Akropolis nach Sibirien oder in die Provinz Shandong verlegt. Deswegen muss „das Projekt Europa, unsere europäische Idee“ gerettet werden, wie ein Schiff, das in Seenot geraten ist.

Aber es ist nicht Europa, das kieloben treibt, sondern die EU, eine bürokratische Vision von Europa, die den Praxistest nicht bestanden hat. […]
DIE WELT vom 21.06.2015.

Überdehnung und Zerfall Europas

Manchmal wirft so ein Tag ein grelles Schlaglicht auf Widersprüche und Ungereimtheiten Europas. Nun war wieder so ein Tag. Unsere französischen Freunde waren mit einer Idee ihrer arabischen Bildungsministerin beschäftigt, die deutsche Sprache in den Schulen zurückzudrängen. […] Der Fokus ist eigentlich straff innenpolitisch. Gleiches kann man täglich der römischen Presse nachsagen.

[…] Ganz anders ist es in Polen. Die „Rzeczpospolita“ aus Warschau schwelgte an jenem Tag in außenpolitischen Themen mit besonders scharfem Blick auf Deutschland und Russland.[…]

[…] Die Prager Zeitung „Lidové noviny“ begrüßte den Verzicht des tschechischen Präsidenten auf seine Teilnahme an der Militärparade in Moskau am 9. Mai, nachdem im In- und Ausland heftige Kritik geübt worden war […]

[…] Aus dem Süden erfuhren wir weiterhin, dass die griechische Links-Rechts-Regierung russische Raketen einkaufen will und auf russisches Erdgas zum Freundschaftspreis hofft.

Ja, das war ein ganz normaler Tag in Europa und in den europäischen Medien. Und was sagten sie uns? Die deutsche Sprache ist in Frankreich auf dem Rückzug. Franzosen und Deutsche können sich ja demnächst auf Arabisch miteinander unterhalten. Das hat den Vorteil, dass man den Koran dann in der Originalsprache rezitieren kann.

Frankreich und viele andere Länder des Westens sind mit ihrer eigenen Nabelschau beschäftigt, während im Osten Europas der Blick auf die auswärtigen Beziehungen gerichtet ist. In Helsinki, Warschau oder Athen begreift man sich als Frontstaat, egal ob der Hauptfeind nun in Moskau, Berlin oder Ankara sitzt.

Diese Konstellation erinnert an den Vorabend des Zweiten Weltkriegs, wo die Hauptländer des Westens mit sich beschäftigt waren, pazifistischen Strömungen nachgaben und Stalin und Hitler die Initiative überließen. Europa versucht sich derzeit an einer gemeinsamen Außenpolitik. Doch wo die Wahrnehmung der europäischen Völker und ihrer Hauptmedien so unterschiedlich ist, kann diese nicht wirklich zustande kommen. Europa ist überdehnt, und so wird europäische Außenpolitik nach und nach ein Spielball Brüsseler Machtpolitik.
Geolitico vom 22.04.2015

So wird die EU zum Unrechtsstaat

[…] Griechenland ist pleite. Das Land wird niemals in der Lage sein, die Schulden (vollständig) zu begleichen. Eine echte wirtschaftliche Erholung wird es in Griechenland nicht geben können, solange das Land in der Eurozone verbleibt. Diese Punkte gelten mehr oder weniger auch für Portugal, Spanien, Italien und ja, auch für Frankreich.

„Superstaat Europa“

Hätte man Griechenland bei Ausbruch der Krise Pleite gehen lassen, wäre das Problem längst vom Tisch. Stattdessen wurde behauptet, das Land müsse gerettet werden – tatsächlich aber rettete man die Banken, die Griechenland unentwegt und weit über jedes vernünftige Risikomanagement hinaus Geld geliehen hatten. Die faulen Schulden Griechenlands wanderten so in die Bücher der übrigen Euro-Staaten anstatt über den Jordan.

Nun hat ein Bankrott Griechenlands ganz andere Konsequenzen. 2010 wären einige Banken Pleite gegangen, Kunden hätten dann ihre Einlagen (zumindest teilweise) verloren und nach einem mehr oder weniger starken Wirtschaftseinbruch hätte die Erholung eingesetzt, so wie es beispielsweise in Island der Fall war. Stattdessen kettete die vermeintliche Rettung alle Mitgliedsländer aneinander. Wenn Griechenland jetzt fällt, dann fällt vermutlich auch Portugal und dann ganz schnell Spanien, Italien oder Frankreich und am Ende kollabiert Deutschland, da es immer mehr der ausgereichten Garantien übernehmen muss bzw. immer mehr Staaten um Rettung ersuchen.

Nun kann das Problem kaum mehr durch den klassischen Default gelöst werden, weil er eben alle in den Bankrott reißen würde. Die Krise ist stattdessen zum Dauerfall geworden und nun kommt das eigentlich perfide: Sie wird aktiv und bewusst genutzt, um das tatsächliche aber nie direkt erklärte Ziel zu verwirklichen: Den Umbau der EU zu einem Superstaat „Europa“.

[…] Die dauerhafte Alimentierung der Pleitestaaten ist die Konsequenz. Sie kann aber auf Dauer nicht gutgehen. Nicht alleine weil sie Hass zwischen den einzelnen europäischen Völkern schürt, sondern weil sie die Fähigkeiten der EU-Staaten übersteigt. Weder kann ein Land dauerhafte Arbeitslosenquoten von 25% oder mehr ertragen noch kann sich ein Staat jährliche Kapitalabflüsse in Höhe von hunderten Milliarden Euro leisten.

Irgendwann werden die ökonomischen Fliehkräfte den im Werden begriffenen Superstaat zerreißen. Es wäre klüger, besser und billiger, es nicht soweit kommen zu lassen, sondern das gescheiterte Experiment hier abzubrechen. Die Eurozone muss kontrolliert abgewickelt werden.

Möglich wäre beispielsweise die Einführung von Parallelwährungen.[2] Diese hätten zusätzlich den Charme, ein erster Schritt hin zu einer echten Transformation des Geldsystems selbst sein zu können. Schließlich gehen die Probleme unseres Finanzsystems weit über die Währungsgemeinschaft hinaus.

Aber auch die von uns in der letzten Woche thematisierte Rückkehr zur D-Mark wäre ein möglicher und richtiger Schritt. In beiden Fällen wären die Verluste unbestritten hoch, aber sie ließen sich irgendwie verkraften.

Ein „weiter so“ hingegen wird nicht nur die ökonomischen Kosten gegen unendlich treiben, sondern auch unendliches menschliches Leid bedeuten. Die EU selbst wird sich in solch einem Zwangskonstrukt dauerhaft in einen wenig freiheitlichen und totalitären Unrechtsstaat verwandeln. Die Anfänge dieses Staates erleben wir bereits…
Geolitico vom 31.03.2015

EU: Dieses Europa ist eine Fehlkonstruktion

Trotz ihrer Erfolge ist die EU kein stabiles System. Lange hat man das im Namen der Solidarität mit Geld zugekleistert. In einem wachstumsschwachen und alternden Europa funktioniert das nicht mehr.

Die EU, einschließlich der Euro-Zone, ist bei allen unbestrittenen Erfolgen ein System voller Konstruktionsfehler. Das spielte lange Zeit keine Rolle: Europa war zusammen mit den Vereinigten Staaten in einer überschaubaren Welt unangefochten. Geld war immer da, die Transferzahlungen sprudelten. Der Kommunismus wurde besiegt.

Interne Bedenkenträger wie Großbritannien wurden mit allen möglichen Sondervereinbarungen und „Opt-outs“ bei Laune gehalten. Für eine Krise war in dieser heilen europäischen Welt kein Platz. Dissonanzen und Fehlentwicklungen wurden regelmäßig im Namen der europäischen Solidarität mit Geld zugekleistert.

[…] Das ist das große Dilemma Europas: Einerseits ist mehr Vertiefung notwendig, also mehr gemeinsame Kompetenzen, mehr gemeinsame Abstimmung, mehr gemeinsame Durchgriffsrechte und mehr gemeinsame Kontrolle; auf der anderen Seite lehnen genau dies immer mehr Bürger ab, die europakritischen Bewegungen werden stärker und der Unmut auf den amorphen Koloss Brüssel steigt.

[…]

Das Ironische daran ist: Diese Europaskepsis speist sich ausgerechnet aus den Verfehlungen und Konstruktionsfehlern der Vergangenheit. Es hätte in einem gemeinsamen Währungsraum niemals passieren dürfen, dass heute in weiten Teilen Südeuropas eine Generation heranwächst, die fast zur Hälfte arbeitslos ist. Es hätte niemals passieren dürfen, dass bei den Mitgliedern ein- und derselben Währungsgemeinschaft ein solches Missverhältnis bei Wohlstand und Wachstum herrscht.

Die Euro-Zone ist heute wegen gravierender Konstruktionsfehler ein System intern verzerrter Wechselkurse, allokativer Fehlentwicklungen und großer sozialer Disparitäten. Daran werden auch die marginalen Reparaturarbeiten der vergangenen Jahre im Bereich des Verfahrensrechts, wie die unter großem Getöse durchgeführte „Verschärfung“ des Stabilitätspaktes, nichts ändern. […]
DIE WELT vom 20.03.2015

Ernüchternde Studie: Mehr als ein Drittel der Deutschen will Euro-Austritt

Das Vertrauen der Bürger in der Europäischen Union schwindet zusehends, immer mehr Menschen sind EU-skeptisch. Das ist das ernüchternde Ergebnis einer Studie, welche die angesehenen italienischen Forschungsinstitute Demos & Pi und Osservatore di Pavia durchgeführt hat. Vor allem in Deutschland sind die Umfragewerte zum Projekt Europa mies.

Gut jeder Dritte in Deutschland will laut Umfrage einen Austritt aus dem Euro und die Rückkehr zur D-Mark. Das ergab die repräsentative Befragung der Bürger in sechs EU-Ländern, deren Ergebnis am Mittwoch von der Zeitung „La Repubblica“ veröffentlicht wurde. 36,8 Prozent der befragten Deutschen waren demnach der Meinung, dass der Euro „nur Komplikationen“ gebracht habe und abgeschafft werden solle. Nur 13 Prozent waren der Meinung, dass der Euro nur Vorteile gebracht hat.

[…]

Nur die Angst vor den möglichen Folgen eines Austritts aus der Währungsunion oder einer Beendigung des Euro-Projektes hält eine Mehrheit der EU-Bürger vor einem klaren „Nein“ ab. Doch ein „Europa aus Angst“, dessen Fundament aus „gegenseitigem Misstrauen“ bestehe, werde nicht dauerhaft Bestand haben, zitiert „Spiegel Online“ den Politik- und Soziologieprofessor Ilvo Diamanti, Chef des Demos-Instituts. Verständlich, dass in Polen und Großbritannien, die den Euro nicht haben, ihn überwältigende Mehrheiten auch ganz gewiss nicht bekommen wollen.

Generell schwindet laut der Studie das Vertrauen in Europa. Während in Deutschland noch etwa die Hälfte der Befragten (53,4 Prozent) angab, den EU-Institutionen zu vertrauen, sind es in anderen Ländern weit weniger. In Italien glauben zum Beispiel nur 27,4 Prozent der Befragten an Europa, in Großbritannien sind es 28 Prozent.
T-Online vom 26.02.2015

EU-Studie: Bürger haben kein Vertrauen in Europa

Immer mehr EU-Bürger halten immer weniger von Europa – zu diesem bitteren Schluss kommt eine Studie in sechs großen Mitgliedsländern. Die miesen Umfragewerte bedeuten vor allem: ein Totalversagen der Politik.

Vertrauen in Europa? Ja, eine knappe Mehrheit der Deutschen – 53 Prozent – hat es noch. Im restlichen Europa ist das Vertrauen schon dahin, die Mehrheit der Bürger ist EU-skeptisch. Das ist das fatale Ergebnis einer Umfrage des angesehenen italienischen Forschungsinstitutes Demos & pi. In Kooperation mit anderen Meinungsforschern und mit der Zeitungsgruppe um „La Repubblica“ wurden dazu in den sechs größten EU-Ländern zwischen dem 12. und 23. Januar jeweils 1000, repräsentativ ausgesuchte Bürger befragt.

In Frankreich, Spanien und Polen stehen nur noch gut 40 Prozent der Befragten dem Projekt Europa vertrauensvoll gegenüber. In Großbritannien sinkt deren Anteil auf 28 Prozent. Und in Italien, das ist traditionell das Land größter Europabegeisterung, mit Zustimmungsraten von einst 70 Prozent, ist Europa-Zuversicht gerade einmal bei 27 Prozent der Bürger zu finden.

Noch schlechter als die EU schneidet der Euro ab. Nur Minderheiten stimmen der These noch zu, die gemeinsame Währung habe Vorteile gebracht und werde weiter Nutzen stiften. Ihr Anteil liegt zwischen 23 Prozent in Frankreich und 11 Prozent in Italien. Selbst die Deutschen, vom Rest Europas als Nutznießer des Euro eingeschätzt und deshalb beneidet, wenn nicht gehasst, glauben nur zu 13 Prozent, dass sie tatsächlich Vorteile von der Währungsunion hätten. Fast dreimal so viele, 37 Prozent, sind laut dieser Studie für eine Rückkehr zur D-Mark. […]
SPIEGEL ONLINE vom 25.02.2015

PHOENIX – „Das große Misstrauen – Europas Bürger begehren auf“

„Das große Misstrauen – Europas Bürger begehren auf

„Unter den Linden – Mo. 09.02.15, 22.10 – 23.00 Uhr; Wdh. Di. 03.02.15, 00.00 – 00.45 Uhr

Zu Gast bei Michael Hirz sind:

Christoph Schwennicke (Chefredakteur CICERO)
Roland Tichy (Vorstandsvorsitzender Ludwig-Erhard-Stiftung)

Moderation: Michael Hirz

PHOENIX – „Das große Misstrauen – Europas Bürger begehren auf“.

Die Schäden der Euro-Rettung: Zerstörung des Geldsystems

Wer gehofft hat, mit dem Amt komme der Verstand und die Bereitschaft, sich in den europäischen Geleitzug einzuordnen, sieht sich getäuscht: Der Ton gegenüber den internationalen Geldgebern ist weiterhin angriffslustig, selbstbewusst und zu Recht: siegesgewiss. So hat der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras am Donnerstag im griechischen Parlament versprochen, der Austeritätspolitik der Europäischen Union “ein für alle Mal ein Ende zu bereiten” und harte Verhandlungen über neue Bedingungen für Griechenland zu führen.” Griechenland wird keine Befehle mehr akzeptieren, erst recht keine, die per E-Mail kommen”, sagte er. Nachdem jetzt faktisch die EU einknickt, wird klar: Griechenland hat sich durchgesetzt; aber der eigentliche Schaden kommt nicht vom Geld, sondern von der Zerstörung unserer Währungsordnung.

[…]

Aber dabei ist das Schlimme gar nicht das Geld. Dass Griechenland jemals seine Schulden zurück zahlt, ist ohnehin nicht zu erwarten, und die vermeintliche Härte der geprellten Geldgeber nur der Versuch, die Bilanz zu beschönigen. Griechenland ist pleite, aber darf nicht so genannt werden, damit nicht deutlich wird, dass Deutschland dafür zahlt.

Das eigentlich Schlimme an der derzeitigen Situation ist, dass sie das groteske Scheitern der Euro-Rettungspolitik offenbart. Denn seit 2010 wurde die Geld-Verfassung in Europa dramatisch geändert. Die ursprüngliche „No-Bail-Out-Klausel“ wurde aufgelöst – also das Prinzip, dass jedes Land für seine eigenen Schulden haftet, wurde durch einen Haftungsverbund ersetzt, faktisch eine gewaltige Umverteilungsmaschine. Die Bereitschaft der Europäischen Zentralbank, den Euro unbegrenzt zu verteidigen, hat zu einer gewaltigen fiskalischen Interventionspolitik der EZB geführt. Zuletzt hat sie im Januar beschlossen, für die sagenhafte Summe von 1,14 Billionen Euro Anleihen zu kaufen. Damit hat sie die Finanzierung der Staaten und maroder Banken auf sich gezogen.

[…] Geholfen hat nichts von alledem. Der Euro hat damit seinen Charakter geändert: Ursprünglich war er nach dem Muster der Deutschen Mark konstruiert und sollte Frankfurt als Sitz der EZB diese Tradition symbolisieren. Bleibt man im Bild, dann ist die EZB heute eine Art italienische Zentralbank mit Sitz in Frankfurt. Wir sollten ihn nicht mehr Euro nennen, sondern Leuro; die Konnotation Lira entspricht den schlichten Tatsachen.

[…]

Der Preis für die Rettungspolitik ist die Zerstörung der fiskalischen und monetären Ordnung – aber was die Sache so schlimm macht: Griechenland ist nach vier Jahren Rettung so pleite wie zu vor – mit einem Unterschied: Es ist gelungen, die Verantwortung einseitig auf Deutschland abzuwälzen. Die Phase der friedvollen, sich vertiefenden europäischen Einigung ist einer gereizten Atmosphäre gegenseitiger Vorwürfe gewichen; die Sprache des Hasses der unmittelbaren Nachkriegszeit ist zurückgekehrt, und so wird Angela Merkel mit Hitler-Bärtchen symbolisiert und Deutschland als das 4. Reich dämonisiert. Der Euro hat dazu beigetragen, den europäischen Gedanken zu schwächen – vielleicht sogar irreparabel. Statt mehr Einigung, die sich viele erhofften, wächst nur die Uneinigkeit. Und nachdem sich Griechenland durchgesetzt hat, wird der Spaltpilz seine Wirkung erst entfalten: Warum sollte die Regierung in Spanien ihren unpopulären Reformkurs durchhalten, wenn doch die Mehrkosten populärer Sozialleistungen, die Gehälter ebenso überflüssiger wie korrupter Beamter, Mindestlöhne und Weihnachtsgeld für Rentner, ohnehin von den Deutschen bezahlt werden? Europa ist damit einem Mechanismus ausgeliefert, der es zerstört.

Nun konnte man das alles wissen. Gegner der Euro-Rettungspolitik haben diesen Weg ins Verderben mehr oder weniger präzise vorausgesehen; wobei es meist schlimmer kam, als die schlimmsten Pessimisten sich das ausgedacht haben. Sie wurden als Europafeinde beschimpft, aus Ämtern entfernt, oft genug als neue Nazis gebrandmarkt. Das ist die innenpolitische Bilanz der Euro-Rettung. […]
Tichys Einblick vom 06.02.2015